Zwei Regenwürmer stapfen durch ein Moor und erledigen ihre FÖJ-Aufgaben.
Wir laufen am gelben Schild des Naturschutzgebietes vorbei. Die Augen der aufgedruckten Eule folgen unserer Bewegungen und wir folgen kaum erkennbaren Pfaden, die sich zwischen den Binsen abzeichnen. Mitten imgeschützten Moor zwischen weiten Heiden und hohen Birken, fühlt es sich an, wie in einem Wimmelbuch. Statt Wo ist Walter? heißt es Wo sind die Rohre?
Zu zweit irren wir durch das Moor und versuchen uns nicht abzulenken. Monatlich messen wir an verschiedenen Stellen den Wasserstand. Von Rohr zu Rohr gehen wir durch die Gebiete. Doch nur schnell den GPS-Punkten zu folgen ist kaum möglich. Jeder Schritt mit unseren großen Gummistiefeln offenbart eine neue Kleinigkeit. Ich kann kaum genug davon bekommen, durch die Gegend zu schauen. Dabei ist es Einerlei, ob ich in die Ferne oder vor die Füße blicke, überall ist etwas zu entdecken.Eine dicke Hummel setzt sich vor mir auf eine rosa blühende Glockenheide. Der Stängel verbiegt sich unter ihrem Gewicht. Ein Grashüpfer schreckt auf.
Ich muss meinen kurz Blick losreißen, um eine nasse Stelle zu umgehen. Manchmal ist gar nicht abzusehen, wie tief man in einer Pfütze einsinken kann. Schon einmal ist es uns passiert, dass wir unsere Gummistiefel leeren mussten. Die vollgesaugten Socken haben wir ins Autofenster geklemmt und haben sie mit dem Fahrtwind trocknen lassen – ein alter Trick der vorherigen FÖJlerinnen, die uns auch die schönsten Wege durch die Moore gezeigt haben.

Als ich wieder hoch blicke, fällt mir eine Bewegung auf. Vor einem Birkenwald huscht Damwild vorbei. Die kleine Herde wirkt so nah und doch so fern. Wir sind nur Gast auf ihrem Gebiet. Ein paar Meter vor mir, flackert ein rosarotes Bändchen. Es markiert einen Pegel. Wir holen das Messgerät aus unserem Beutel, lassen es ins Rohr ein und schreiben den Wert in unserem türkisgrünem Moorbuch auf. Der Kugelschreiber rollt über das wellige Papier. Der Buchrücken und alle Ecken des Notizbuchs sind mit Panzertape verstärkt, trotzdem ist der Schaden der regnerischen Tage nicht zu übersehen. Gleich am Anfang haben wir die erste Seite aufgeschlagen, geprüft, wie alt das Buch ist. Erst zwei Jahre.
Das Morrbuch wird zugeklappt, sobald die Zentimeter aufgeschrieben sind. Wir laufen weiter. Zwischen hohen Gräsern entdecken wir einen kleinen knallroten Pilz mit orangenen Lamellen. Wir wissen nicht wie er heißt. Er sieht aus, als sei er einem Bilderbuch entsprungen. Ich halte ihn mit meiner Kamera fest, bevor wir weitergehen.

Wir laufen in Schlaufen, versuchen früh genug Spinnennetzen auszuweichen und uns nicht von der unebenen Erde in die Knie zwingen zu lassen. Der nächste Pegel ist nirgends in Sicht und auch das GPS hat die Orientierung verloren. Ärgerlich, denke ich, denn es wird immer später. Doch dann fällt mir eine Raupe auf, die auf einem breiten Grashalm sitzt. Sie ist länger als meine Finger und ziemlich dick. Auf ihrem angehobenen Kopf hat sie zwei helle Flecken, die wie Augen wirken. Wir können es kaum glauben – so eine Raupe, haben wir noch nie gesehen. Wir fragen unsere Bestimmungs-App und lassen das Ergebnis vom Schmetterlings-Experten unserer Einsatzstelle bestätigen; es ist tatsächlich ein mittlerer Weinschwärmer. Irgendwann wird aus der Raupe eine rosagelbe Motte werden, von der man kaum erwartet, sie in Deutschland zu finden. Es fühlt sich unglaublich an, so seltene Arten zu finden – ganz zufällig an einem normalen Arbeitstag.
Als wir nicht nur den einen Pegel, der sich hinter Schilf versteckt hat, sondern auch alle weiteren gemessen haben, laufen wir wieder zurück. Am Wegesrand steht unser Auto. Es ist schon später Nachmittag, fast sieben Stunden waren wir im Moor.
Nach dem eindrucksvollen Tag fühlt es sich falsch an über Asphalt zu rollen und zwischen Betongebäuden zu sein. Während der Fahrt träume ich mich zurück ins Moor. Nur dort möchte ich grade sein, denke ich. Doch dann melden sich meine müden Beine. Ein bisschen Schlaf wäre wohl auch eine gute Option.
Von Susanna
